Unser Konsum: „Je mehr Menschen darüber reden, desto besser“ – ein Interview mit Plastic Planet Regisseur Werner Boote.

Von Natascha Glanzer-Fürst und Laura Bomm

Natascha & Laura: Dein Film Plastic Planet ist jetzt genau 10 Jahre alt. Was hat sich seitdem verändert?

Was sich verändert hat, ist die öffentliche Aufmerksamkeit. 2009 wurdest du noch in jedem Geschäft gefragt: „Darf es ein gratis Sackerl dazu sein?“ Das hab ich jetzt schon ewig nicht mehr gehört. Wenn du heute in der Straße Menschen ansprichst und sie zum Thema Plastik befragst, haben die meisten schon verstanden, dass Plastik eine Bedrohung für unsere Umwelt und Gesundheit ist. Das ist schon einmal ein großer Schritt hin zu gesellschaftlichen und gesetzlichen Änderungen.

Gibt es nur gesellschaftliche und gesetzliche Veränderungen?

Nein, es ist auch ein komplett neuer Industriezweig entstanden. Das erste kompostierbare Plastiksackerl haben wir damals bei der Plastic Planet Premiere als Gag verteilt. Dann wollten die Kunden das plötzlich haben und die Hersteller waren regelrecht böse auf uns, weil sie dann diese Sackerl neu produzieren lassen mussten. Es gibt andere neue Industriezweige Stichwort „Zero Waste“. Wenn ich nur denke, von Zahnbürsten über Rex-Gläser, da ist ein großer Umschwung im Gange. Für gesetzliche Änderungen nehmen wir ein anderes Beispiel. Es gab eine Studie, dass BPA aus Schnullern und Flascherln austritt. Zuerst ist es von den Händlern aus dem Geschäft genommen worden, dann sind diese Produkte in Deutschland verboten worden, dann in Frankreich. Eineinhalb Jahre später kam schon das EU-weite Verbot, das BPA in Produkten für Kinder unter 3 Jahre verboten hat. Es wird natürlich viel geredet, aber konkrete Veränderungen sind auch im Gange.

Wir sollen unseren Umgang mit Plastik verändern obwohl Plastik uns so viele Vorteile bringt. Wann genau wird Plastik zum Problem?

Gute Frage. Zum Beispiel in der Medizin. Blutbeutel beinhalten DEHP[1].Seit Jahren wissen wir, dass dies eine besorgniserregende Chemikalie ist, die im dringenden Verdacht steht, Krebserreger zu sein. Trotzdem steigen Krankenhäuser nicht auf die Blutbeutel um, in denen kein DEHP ist. Die gehören doch schnell verboten. Ich glaube, es ist am Ende auch wichtig, dass man nicht auf Kosten der Umwelt oder der Gesundheit entscheidet. Wenn es bessere Optionen gibt, muss man diese nehmen. Ich habe letztens mit einer Chefin eines österreichischen Krankenhauses gesprochen, die hat sich nicht einmal dafür interessiert. Es wird halt gewählt was billig ist. Dabei könnten sie ein Zeichen setzen. Da gibt es beispielsweise ein Konsortium von Krankenhäusern in Heidelberg und ein paar anderen Spitälern in Deutschland. Die haben sich bewusst entschieden, keine Blutbeutel mit DEHP mehr zu verwenden. Es ist immer eine Frage der Initiative.

[1] DEHP: Di(2-ethylhexyl)phthalat ist seit 2015 auf der Kandidatenliste für besonders besorgniserregende Stoffe und daher zulassungspflichtig.

Auch jene Menschen, die versuchen bewusst zu konsumieren, sind oft mit einer Intransparenz bei der Produktherkunft konfrontiert. Trotzdem haben Konsumenten meist viel Vertrauen in Gütesiegel und Zertifikate, wie du in deinem Film the Green Lie kritisierst. Wie sollen wir konsumieren, wenn wir nicht wissen wem wir vertrauen können?

„Ich finde, wir sollten uns gar nicht so sehr auf Siegel stürzen, sondern
müssen den Wahnsinn dahinter hinterfragen.“

In meinem Film sagt Professor Raj Patel aus Austin (Texas): „OK, ich kaufe jetzt Fairtrade Kaffee. Aber was ist dann der andere Kaffee? Arschlochkaffee?“. Fair muss bedeuten: 100% fair. Fair sollte nicht bedeuten, dass nur ein gewisser Anteil an dem Produkt fair ist. Hierbei gibt es ein paar Siegel, die besser sind als anderer. Aber die Katastrophe ist, dass 95% unserer Produkte ‚Arschlochprodukte‘ sind. Ich finde, wir sollten uns gar nicht so sehr auf Siegel stürzen, sondern müssen den Wahnsinn dahinter hinterfragen. Wie kann es sein, dass hier ums Eck in Supermärkten so viele Produkte in den Regalen liegen, die an der systematischen Umweltzerstörung maßgeblich beteiligt sind? Beispielsweise (zeigt auf sein Smartphone): ist es ok, dass man sich hiermit quasi an einem Bürgerkrieg in einem afrikanischen Staat beteiligt? Oder an der Kinderarbeit? Einerseits bin ich durch den Kauf auch kein Heiliger, andererseits wüsste ich nicht wie ich ohne dieses Ding in meinem Beruf zurechtkommen sollte. Es geht sich in der heutigen Welt einfach oftmals nicht mehr aus. Umso wichtiger ist daher die gesetzliche Regulierung. Die Konzernverantwortung, die die Schweizer aufgebracht haben, die finde ich super. 

Paul Watzlawick sagte einst: man kann nicht, nicht kommunizieren. Kann der Mensch nicht, nicht konsumieren?

Der Konsum ist die größte Spannung was den Wandel anbelangt. Wir bekommen den Konsum mit der Muttermilch mit. Wenn man sagt, dass er ein großes Problem ist, dann bedeutet das für fast alle, dass wir auf etwas verzichten müssten. Aber keiner will auf etwas verzichten. Da fehlt das Verständnis. Auf was bin ich bereit zu verzichten – darauf das woanders die Umwelt ausgebeutet- oder Menschen das Trinkwasser weggenommen wird? Da geht es doch nicht um Verzicht sondern den Gerechtigkeitssinn. Hier sind im Endeffekt globale Gesetze gefragt. Damit meine ich wirklich global. Ich glaube, dass dieser Wandel schon im Gange ist. Wir sehen, dass die Wirtschaftsordnung so nicht funktioniert. Wenn man Konzernen die Chance gibt, die Welt systematisch zu zerstören, die Umwelt und Menschen auszubeuten, werden sie es auch tun. Das ist auch allen klar, aber wann tritt die Veränderung ein?

Der alleinerziehende Vater hat vielleicht keine Zeit sich mit dem Thema Konsum auseinanderzusetzen, er hat andere Prioritäten. Wie kann man ihn und viele andere Menschen trotzdem erreichen?

„Wenn du eine Steuer auf Kunststoffe einheben würdest und diese Einnahmen dann für Gesundheitsforschung und Umweltprogramme
verwendest. Das würde helfen.“

Ganz brutal gesagt nur mit Gesetzen. Was ist schlimm für den Vater wenn man Substanzen verbietet, die krebserregend sind, bei seinen Kindern Allergien verursachen oder sie unfruchtbar machen? Was ist schlecht daran, Produkte zu verbieten für die primäre Regenwälder abgeholzt und sämtliche Tiere getötet werden? Ich bin kein Freund der vollen Gesetze, aber man muss schon sagen, dass Konzerne sich da immer wieder Freibriefe gesichert haben. Erst kürzlich hat Plastics Europe, am EuGH bei dem Versuch BPA wieder als gesundheitlich unbedenklich einzustufen verloren – Gott sei Dank. Konzerne probieren es halt und sie können es sich leisten, weil sie über Jahrzehnte auf Kosten unserer Gesundheit und Umwelt Milliarden erwirtschaftet haben. Dagegen stehen ein paar mickrigen Vereine. Ein einziger Chemiekonzern hat zirka 300 Lobbyisten in Brüssel auf der Gehaltsliste. Die größten internationalen Umweltschutzorganisationen haben maximal 20.

Wenn man sich überlegt, wie viele Konzerne in Europa Einfluss nehmen möchten und wie viele Industrie-Lobbyisten sich daraus ergeben, erkennt man wie schwer es ist, in Brüssel etwas für die Rechte der Natur in Gang zu setzen.        

„Das politische Engagement jedes Einzelnen ist wirklich wichtig“

Daher nochmals: das politische Engagement jedes Einzelnen ist wirklich wichtig, um alljene Menschen zu erreichen, die ressourcenschonenden Konsum oder Zero Waste noch nicht „leben“. Sowas was Natascha mit Exxpedition[2] – oder der Verein Plastic Planet[3] macht. Ohne die wird es nicht gehen und ohne die wird es auch die dringend notwendigen weitreichenden gesetzlichen Änderungen nicht geben. Vieles wäre einfach, wenn Steuern verändert würden. Wenn du eine Steuer auf Kunststoffe einführen würdest und diese Einnahmen dann für Gesundheitsforschung und Umweltprogramme verwendest – das würde helfen – am Ende auch dem „kleinen“ Bürger/der „kleinen“ Bürgerin.

[2] Exxpedition.com (siehe www.exxpedition.com)
[3] Verein Plastics Planet (siehe https://www.facebook.com/pages/category/Non-Governmental-Organization–NGO-/Verein-Plastic-Planet-Austria-157866048196829/)

Das Engagement junger Menschen scheint ja dank Greta größer denn je zu sein…Stichwort Fridays for Future…

Ich finde die Initiative auch toll. Greta ist zu einem weltweiten Phänomen geworden. Sie hat es geschafft, dass das Thema Klimakrise in der Gesellschaft präsent ist. Das Problem ist nur, dass der Wandel hochkomplex ist, weil er so viele Themen betrifft. Es ist ein langwieriger Prozess, den der Einzelne auch gar nicht bis zum Ende durchdenken kann. Da geht es um Transport, politische Strukturen, Kapitalismus. Es bedarf einer Umstrukturierung unseres Wirtschaftssystems. Gleichzeitig hat man aber die Profiteure des alten Systems, die in die Gegenrichtung feuern, die wollen so schnell wie möglich, so viel wie möglich rausbekommen , so lange es eben noch geht. Das hat schon in den 1970er Jahren begonnen. Zu der Zeit ist der Umweltschutzgedanke groß geworden und viele haben gerufen, dass etwas getan werden muss. Aber damals haben es die Profiteure geschafft, die Politik so zu beeinflussen, dass Veränderungen aufgeweicht wurden und somit nicht mehr hilfreich für die Umwelt waren. Gleichzeitig ist es auch bei den Unternehmen losgegangen. Diese sagen, wir geben uns Mühe oder wir versuchen grüner zu werden. Seit fast 50 Jahren werden uns also die grünen Lügen verkauft, ohne dass im Herstellungsprozess viel geändert wurde.

Wie kann man die Produzenten und Handelsketten zum Umdenken bewegen – oder ist das aussichtlos?

Das Problem ist, dass die Handelsketten so große Macht haben. Du hast viele Produzenten die Produkte herstellen. Dann hast du eine Masse an Verbrauchern, die ganz viele Produkte kaufen und dann gibt es einen „Schlangenhals“ von 3 großen Handelsketten, die 90% aller Produkte steuern, die maximalen Gewinn machen wollen. Diese schreiben den Produzenten vor, wie sie die Produkte zu verpacken haben, dass sie so lange wie möglich im Regal liegen lassen können, damit sie keinen Verlust machen. Sobald die Handelskette vom Produzenten gekauft hat, ist das Ziel auf nichts „sitzen zu bleiben“.

Produzenten wird vorgeschrieben, dass der Käse mit künstlichen Haltbarmachern und eingeschweißt zu verkaufen ist. Wir Konsumenten essen dann den „Plastik-Käse“.

Hier fängt ein riesiges Problem an. Das sollte dem Verbraucher nicht recht sein. Wir müssen ein System finden, in dem Handelsketten den Käse schneller verkaufen. Das System muss sich ändern. Handelsketten müssen sich ein anderes Distributionsnetz überlegen. Es ist doch verrückt, dass wir weltweit nur noch vier Apfelsorten bekommen. Den steirischen Apfelbauern erklären die Handelsketten, dass sie in Zukunft auf Beeren anbauen sollen – und wir holen den Granny Smith oder Pink Lady aus aller Herren Länder.

Es wird uns doch immer folgendes erklärt: Konsum kurbelt die Produktion an – diese ist gut für die Wirtschaft – Wirtschaft schafft Arbeitsplätze – mit Arbeit verdient man Geld – mit Geld kann man konsumieren. Ein vermeintlicher Teufelskreis in dem die Natur heute keinen Stellenwert zu scheinen hat. Wie müsste in deinen Augen das Zusammenspiel von Wirtschaft und Gesellschaft sein?

Man muss die Interessen der Natur und Menschen voranstellen und dann erst jene der Profiteure. Es gibt ein komplettes Missverhältnis zwischen der Macht der Konzerne und den Menschenrechten und den Rechten der Natur. Man muss verfassungsrechtlich normieren, dass die Rechte der Umwelt immer an erster Stelle stehen. Das Problem ist dann immer die Arbeitsplatz-Schelte. Dieser Gedanke aus den 1950ern. Der erste Vorwurf den ich zu Plastic Planet gehört habe, war: „Herr Boote wollen sie allen Menschen, die in der Plastikindustrie arbeiten ihren Arbeitsplatz wegnehmen?“ Meine Antwort war: „Nein natürlich nicht, die sollen was Sinnvolleres machen.“ Wie vorhin gesagt, es hat sich ein alternativer Industriezweig entwickelt. Mittlerweile gibt es plastikfreie Geschäfte. Da steht nun jemand drinnen der die Sachen verkauft. Diese Person hat einen Job bekommen, den es davor noch nicht gegeben hat. Ein Job der die Person wahrscheinlich mehr bereichert, wenn man bedenkt, dass sie dort ohne Substanzen arbeitet, die krank machen können. Es ist alles eine Frage der Umverteilung und Weiterentwicklung der jeweiligen Industriezweige. Das Arbeitsplatzargument bringen nur jene, die sich nicht zeitgemäß weiterentwickeln wollen. Wie beispielsweise Unternehmen, die noch Geschäfte mit Braunkohle machen und uns dann erklären, dass das wichtig sei. Natürlich, da sind die Aktionäre, die ihr Geld in diesen Unternehmen haben. Aber die haben -wenn man ehrlich ist- verabsäumt, den Schritt hin zur erneuerbaren Energie zu machen. Selbstverständlich ist ein Umdenken schwer, für sie funktioniert das System gut und sie verdienen damit unfassbar viel Geld. Aber auf Kosten aller anderen.

Diese Profiteure sind aber auch normal Menschen und Konsumenten, die gegebenenfalls selbst keine Plastikverpackung wollen. Wieso dann die Produktion nicht einfach umstellen?

Ich spreche sehr häufig mit CEOs. Einer von ihnen war CEO einer der größten Käseproduzenten in Österreich. Er hat mir erzählt, dass er den Käse auch nicht einpacken will. Aber in dem Moment wo er den Käse nicht mehr einpacken würde, nimmt die Handelskette ihm den Käse nicht mehr ab. Die Handelskette nimmt das, was für sie am Einfachsten ist und wo sie am meisten verdient. Andererseits unterschreiben die Vorstände sogar, dass sie den Gewinn maximieren und die Position des Unternehmens am Markt ausbauen müssen. Wenn der CEO das nicht macht, ist er seinen Job los. Das ist das System. Da müssen wir was finden, wo Gesundheit und Umwelt vorangestellt werden. Deswegen geht es genau in diesen Fällen eben nur mit Gesetzen, die für alle gelten.

Und die CEOS, die selbst umweltbewusst leben wollen, aber für einen umweltfragwürdigen Konzern arbeiten, müssen konsequent ihre innere Stimme ausschalten?

„Du hörst dich selbst so oft dieses fragwürdigen Produkt anpreisen, dass du irgendwann an den Punkt kommst, an dem du selbst daran glaubst.“

Ja, das ist dann eine andere Form des Greenwashings. Da wollte ich sogar einen Film machen. Wie schlittern diese Menschen genau in dieses Denken hinein? Erst bist du Student, totaler Idealist. Dann brauchst du einen Job. Du beginnst in einem großen Unternehmen und darfst nicht sagen, dass das Produkt, welches dein Unternehmen verkauft zB schädlich ist. Dann beginnt man, sich ein schlechtes Produkt schön zu reden. Du hörst dich selbst so oft dabei, dieses fragwürdige Produkt anzupreisen, dass du irgendwann an den Punkt kommst, an dem du selbst daran glaubst. Außerdem bist du finanziell abhängig. Du hast womöglich ein Haus und Kinder, die davon abhängig sind, dass du dieses schlechte Produkt gut verkaufst.

Wie lange können die Konzerne noch auf Zeit spielen?

Eines der großen Umweltprobleme sind Zigarettenfilter. Diese werden aus Kunststoff hergestellt. Im Jahr 2010 wurde ich von der Zigarettenindustrie eingeladen. Da waren unter anderem die Chefs von Philip Morris[4] dabei. Ich habe ihnen Plastic Planet vorgeführt. Sie haben mir dann erzählt, dass sie dabei sind, kompostierbare Zigarettenfilter zu entwickeln. Jetzt haben wir 2019 – wir sind fast 10 Jahre weiter. Die Filter sind sicher seit 9 Jahren fertig, aber man findet sie nirgendwo. Und warum? –  Weil es kein Gesetz gibt. So lange es keines gibt, werden die großen Zigarettenhersteller genau so weitermachen wie bisher. Denn daran verdienen sie mehr. Jeder biologisch abbaubare Zigarettenfilter ist nun einmal ein bisschen teurer. So lange es also keine internationalen Gesetze gibt, werden Konzerne weiterhin auf Zeit spielen.

[4] Philip Morris ist einer der weltweit größten privatwirtschaftlichen Hersteller von Tabakprodukten.

Stichwort Bioplastik. Da gibt es die unterschiedlichsten Meinungen. Ersetzen wir mit Bioplastik eine Problematik durch eine andere?

Das ist ein Ansatz, den man so nicht annehmen darf. Es wird keine super Lösung geben. Mit jedem neuen Schritt wird die Menschheit vor neuen Herausforderungen stehen und diese wieder lösen müssen. Das tut natürlich weh, aber step by step.

Wie siehst du die Verantwortung der Medien, uns Menschen ein „richtiges“ Bild von den Schwierigkeiten unseres Konsums zu vermitteln?

Ich glaube das Problem der nicht verantwortungsvollen Medien ist der Zahn der Zeit. Journalisten werden geringst bezahlt und müssen schnell, so viel wie möglich liefern. Ein/e Journalist/in kann gar nicht gescheit recherchieren. Wenn du verantwortungsvollen Journalismus willst, musst du auch verantwortungsvollen Journalismus bezahlen.

Ich sehe das ja auch bei meinen Filmen. Ich habe die Zeit zu recherchieren und dementsprechend kann ich die Fragen anders beleuchten. Ich muss also keine Schnellschlüsse ziehen. Das ist mir bei meinem Film Population Boom passiert. Nach Plastic Planet habe ich mir gedacht, viele Menschen produzieren viel Plastik und Müll. Wenn wir also weniger Menschen wären, könnten wir das Problem lösen. Dann habe ich im Zuge meiner Recherche eine spannende Rechnung angestellt. Wenn wir alle Menschen dieser Welt nach Österreich bringen, hätte jede/r Einzelne 11 m2 zur Verfügung. Das ist immer noch mehr, als wenn du Lebenslänglich bekommst. Das begeisternde an der Geschichte ist dann aber, dass der Rest der Erde menschenleer wäre. So hat sich das Bild der Überbevölkerung relativiert. Der Film ist eigentlich zu einem Aufruf für soziale Gerechtigkeit und einer besseren Verteilung geworden. Wir sind nicht zu viele Menschen, die Art und Weise wie der Großteil der Menschheit lebt ist das Problem. Hätte ich den Film schnell fertig machen müssen, wäre es ein „menschenverachtendes“ Werk geworden.

Was kann jede/r einzelne/r Konsument/in tun, um unsere Umwelt zu schützen? Du lässt das Argument: „Klimawandel passiert somewhere else, to somebody else, in the future“ auch nicht gelten?

Bei Plastic Planet, hatte ich das Gefühl, dass wir uns darum bemühen müssen genau zu schauen, was wir kaufen und wie wir es entsorgen. Aber durch Green Lie habe ich dann festgestellt, dass politische Engagement auch wichtig ist. Genauso wie über dieses Thema zu sprechen, ob am Frühstückstisch, mit Freunden, im Zug bei der Busstation, sich in Vereinen zu engagieren, tätig werden bis hin zu – in der Kommune Sachen auf die Beine stellen. Jeder muss einfach tätig werden. Obwohl der Individualismus auch von der Industrie gepusht ist. Es betrifft uns ALLE. Wir sind Teil einer globalen Gemeinschaft.

Zum Abschluss sind wir nochmal neugierig auf die Zukunft. Welches gesellschaftliche Phänomen wirst du in deinem nächsten Dokumentarfilm aufdecken?

Das ist heikel bei mir (lacht). Ich bin draufgekommen, dass ich einen Film dann besonders gut mache, wenn ich erzähle, was das Thema mit mir persönlich tut. Ich suche mir Themen, weil ich neugierig bin, was ich dabei lernen kann. Natürlich muss es auch gesellschaftlich relevant sein. Während der Film entsteht und geschnitten wird, weiß ich noch nicht worum genau es gehen wird, weil ich es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelernt habe. Dann kommt die Marketingabteilung vom Kinoverleih und beschreibt worum es in meinem Film geht. Dabei denke ich mir dann, stimmt eigentlich, genau darum geht’s. Ich sage nur so viel: Ich glaube mein nächster Film ist gesellschaftlich relevant und ich denke es ist wichtig, das Thema einmal von einer neuen Seite zu beleuchten.

Plastik ist für mich… eine Bedrohung für uns und unsere Umwelt.

Filme machen… bedeutet mir viel Freude, viel Lernen und viele Entbehrungen.

Am liebsten esse ich… Nudeln.

Meine letzte PET Flasche… habe ich 2008 gekauft.

Meine Eltern sagen über mich… dass ich ein schlimmer Bub war.

Optimistisch bin ich, weil… ich an das Gute im Menschen glaube.

Wenn ich Politiker wäre… würde ich um Wählerschaft buhlen müssen.

Die Menschheit wird… sich weiterentwickeln.

Ein Kommentar bei „Unser Konsum: „Je mehr Menschen darüber reden, desto besser“ – ein Interview mit Plastic Planet Regisseur Werner Boote.“

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